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Artikel: Interview mit Alexandra Linder und Renate Künast zum Weltfrauentag am 08. März in der Neuen Osnabrücker Zeitung

Allgemein

„Das, was da entfernt wird, ist ein Mensch“

Frau Linder, nun gibt es ja in Sachen Werbeverbot für Abtreibungen einen Kompromiss. Sind Sie damit zufrieden? Nein. Ein Kompromiss hat immer gute und schlechte Ergebnisse. Und die andere Seite ist ja auch nicht zufrieden. Aber wir leben in einer Demokratie, da ist das nun einmal so. Wir müssen damit leben. Gut ist, dass es endlich eine Studie gibt, die die Frauen in den Blick nimmt und erforscht, wie es ihnen nach einer Abtreibung geht. Das wurde höchste Zeit, in anderen Ländern gibt es so etwas längst.Wir als Lebensrechtler hätten den Paragrafen 219a, der Frauen in einer Notlage vor Gewinnabsichten schützt, natürlich gerne unverändert beibehalten.

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland immer noch formal verboten, bleibt jedoch unter Bedingungen straffrei. Ist das aus Ihrer Sicht in Ordnung? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Zunächst brauchen wir eine große Untersuchung zu den Zahlen, Gründen und Folgen einer Abtreibung. Es kann nicht sein, dass in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland jedes Jahr 100 000 Frauen entscheiden, dass sie nicht in der Lage seien, ein Kind auf die Welt zu bringen und großzuziehen. Unser Ziel sind möglichst wenige, am besten gar keine Abtreibungen. Wie man das bestmöglich erreichen kann, weiß man erst, wenn man die Ursachen und die genauen Zahlen kennt.

Sie schreiben auf Ihrer Verbandshomepage, dass eine Abtreibung nicht das Resultat einer freien Wahl der betroffenen Frau sei: „Wahlfreiheit hat nur der, der lebt. Der Tod lässt einem keine Wahl mehr: Er ist endgültig“, heißt es da. Können Sie diesen Punkt etwas genauer erklären?

Einer Frau als Lösung ihrer Probleme die Tötung ihres eigenen Kindes anzubieten ist doch eigentlich haarsträubend. Auf diese Idee würde niemand kommen, wäre das Kind schon auf der Welt. So gesehen ist das Problem, das zumnicht rückgängig zumachenden Tod des Kindes führen kann, dass das Kind noch nicht sichtbar ist. Fast alle Frauen entscheiden sich nach wie vor unter großem Druck abzutreiben. Mit einer wirklich freien Wahl hat das also ohnehin wenig zu tun. Und das Kind hat gar keine Wahlfreiheit. Ein zweiter Punkt ist: Frauen sind ja eigentlich emanzipiert und selbständig, also könnten sie sich vorher überlegen, welches „Schwangerschafts-Risiko“ sie eingehen möchten, Stichwort Prävention. Deswegen sind wir Lebensrechtler als Menschenrechtler die Anwälte aller Betroffenen, der Frauen und der Kinder.

Eine Abtreibung, aus welchen Gründen auch immer, macht sich keine Frau leicht, es ist eine wirklich schwierige Entscheidung. Warum sollten Frauen diese intime Entscheidung nicht selbstbestimmt treffen? Oder anders gefragt: Ist Abtreibung kein Frauenrecht?

Wenn man einen humanen Rechtsstaat hat, dann ist der Staat dazu verpflichtet, sämtliche Bürger gleichberechtigt zu schützen. Und dazu gehören eben auch die Kinder vor
der Geburt. Das Dilemma, das wir haben, ist, dass das Kind in diesen Monaten auf die Mutter angewiesen ist, das ist überlebenswichtig. Auch ich habe meine Kinder unter teils
schwierigen Bedingungen bekommen. Ich verstehe die Probleme dieser Frauen also sehr gut. Aber eine Abtreibung als Lösung anzubieten, das kann ich nicht verstehen. Es kann nicht sein, dass wir Kinder vor der Geburt willkürlich als Nicht-Menschen definieren und mit einem angeblichen Frauenrecht, das der Gleichberechtigung dienen soll, dann wieder andere Menschen diskriminieren.

Beim „Marsch für das Leben“, bei dem es auch regelmäßig Gegendemonstrationen gibt, beispielsweise vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, werden von Ihnen und Ihren Mitstreitern teils krasse Plakate hochgehalten, etwa eines mit einem Baby, der Spruch dazu: „Werbung für Abtreibung? Nur über meine Leiche.“ Auch Plastik- Embryos wurden schon verteilt. Was glauben Sie, wie viel Schockmomente verträgt diese Debatte?

Krass sind nur die Sprüche der Gegenseite wie: „Hätt Maria abgetrieben, wärt Ihr uns erspart geblieben“, „Spahn abtreiben“ und Ähnliches. Das Plakat „Nur über meine Leiche“ haben wir erstellt, weil Frau Hänel in ihrer Werbebroschüre schreibt: „Das Schwangerschaftsgewebe/die Fruchtblase wird entfernt.“ Wir wollten den Gegenpol bilden und klarstellen, dass das, was da entfernt wird, ein Mensch ist. Wir wollen nicht, dass Frauen belogen werden. Und die originalgetreuen Embryomodelle sind dieselben, die auch zur medizinischen Ausbildung verwendet werden.

Es fällt auf, dass insbesondere im Zusammenhang mit dem ethisch komplexen Thema Schwangerschaftsabbruch jede Interessengruppe von sich behauptet, ein modernes, angemessenes Frauenbild zu vertreten. Natürlich können aber nicht alle zugleich recht haben. Wie erklären Sie sich das?

Da muss man unterscheiden zwischen Fakten und Ideologie. Wenn ich versuche, dem Menschen vor der Geburt das Mensch-Sein wegzudefinieren, dann kann ich behaupten, Abtreibung sei doch Frauenrecht. Wenn ich jedoch die Fakten betrachte, die belegen, es ist ein Mensch, kann ich dieses Recht nicht in dieser extremen Form reklamieren. Da sindwirwieder bei diesem Dilemma. Deswegen müssen wir versuchen, eineLösung zu finden, unter der die Frau nicht leidenmuss und bei der das Kind nicht sterben muss. Eine richtige Emanzipation kann auch nicht darin bestehen, dass ich mein Frau-Sein aufgebe. Und Kinder bekommen zu können gehört nun einmal zum Frau-Sein dazu. Das zu negieren, halte ich nicht für emanzipiert.

In Berlin wird der Internationale Frauentag bald ein regulärer Feiertag. Wäre das aus Ihrer Sicht eine gute Idee auch für den Rest der Republik?

Ich glaube tatsächlich, in Deutschland ist dieser Tag nicht nötig. Den sollte man vielleicht eher in Saudi-Arabien einführen.

15.03.2019
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